Tages Anzeiger: Junge Frauen drängen an die Waffen: «Sie wollen es den Männern zeigen»

19.05.2026 | Presse

Der Tages-Anzeiger war zu Besuch in der Swiss Shooting Range in Spreitenbach. Gemeinsam mit unserem CEO Martin Eerhard erhielt die Redaktion einen Einblick in unseren Alltag, die moderne Shooting-Range-Kultur und die Menschen hinter dem Sport.

Eine der meistbesuchten Shooting-Ranges befindet sich in der Industriezone von Spreitenbach, zwischen Transportfirma und Lebensmittelgrosshandel. Laut eigenen Angaben zählt die sogenannte Swiss Shooting Range rund 55’000 registrierte Kunden –wer einmal da war, wurde erfasst. Während beim Verein mehrere Telefonate und Abklärungen für einen Besuch nötig sind, reagiert hier der Chef innert weniger Minuten: «Kommt vorbei, jederzeit», sagt der CEO Martin Eerhard. Schnell wird klar: Das hier ist Business, kein Verein.

 

Wer beim Wort «Range» an Kühe und Cowboys in offener Landschaft denkt, liegt falsch. Wer einen verstaubten Schiesskeller erwartet, auch. Stattdessen: Gummiduft und Instagram-Ästhetik. Der Zugang zur «Swiss Shooting Range» führt über die Tiefgarage in den Keller eines Durchschnittshauses, gut gelüftet, bestens beleuchtet und ohne ein Staubkorn. Die Regale, erklärt Eerhard, seien absichtlich so entworfen, dass auch teure Handtaschen darauf passten. Frauen seien eine Kernzielgruppe, sie machten bereits 35 Prozent aus und würden bei der Einweisung meist genauer zuhören, statt sich zu überschätzen, so der CEO: «Deshalb treffen Frauen oft besser.»

 

Natalie scheint das zu bestätigen. Lange schwarze Nägel, langeschwarze Haare – mit ihrem Mann Alfred ist sie aus Deutschland für einen Kurzurlaub angereist: «In die Zehn zu treffen, fühlt sich an wie ein K.-o.-Schlag», sagt sie und klingt dabei nicht aggressiv, sondern euphorisch.

 

Der CEO selbst mag Waffen hingegen «überhaupt nicht». Er sei zufällig ins Business «reingerutscht», war Sicherheitschef im Grand Casino Baden, davor Polizist in Argentinien. «Dort musste ich fast täglich die Waffe ziehen und stand danach oft vor Gericht», sagt Eerhard und schaut zu Boden. Heute meide er den Abzug der Waffen wie andere den Zucker. Er überlässt nach Sicherheitseinweisung und Ausweiskontrolle den Gästen die Bahn.

 

Im Pistolenkurs auf der «Range» tragen die Frauen Pink und Grau, die Männer Militärgrün. «Sechsmal langsam, sechsmal schnell», instruiert der Leiter. Manche füllen das Magazin routiniert, andere noch etwas zaghaft. Am Ende erzielt die Teilnehmerin mit dem anfangs grössten Respekt vor der Pistole das beste Resultat, gibt einer der Männer zu.

 

Drillon, Leonard und Aldin – alle um die zwanzig – kommen aus Spass auf die Shooting-Range: «Etwas so Mächtiges in der Hand zu halten, macht unbeschreiblich euphorisch», sagt einer, die anderen beiden nicken. Ein anderes Männertrio: Oliver, 28, übt hier, weil ihm der jährliche Wiederholungskurs (WK) zu wenig ist –«und weil es klepft». Stefan, 30, sagt: «Ab einem gewissen Punkt blendest du den Lärm einfach aus.» Und: «Der Unterschied zwischen Buben und Männern ist, dass die Spielzeuge teurer werden.» Seine Heckler & Koch kostet 1800 Franken. Filme und Games hätten die Jungs zwar geprägt – Counter Strike, Battlefield und Halo nennt einer der Männer als Beispiele -, aber echtes Schiessen sei komplexer, findet Stefan.

 

Nach zwei Stunden am Abzug sind Alfred und Natalie gerädert. «Das war ein Ganzkörper-Work-out», sagt Natalie. Getestet haben sie Halbautomat, Pistole und Pumpgun. Wer von beiden besser trifft? «Wer grad den Kopf freier hat», sagt Alfred.

Gleichzeitig leere das Schiessen den Kopf, ergänzt Natalie. «Wie bei jedem Sport», meint Alfred. Natalie widerspricht: «Wenn ich mit Hanteln trainiere, denke ich daran, was ich heute Abend anziehe – beim Schiessen kann ich mir das nicht leisten.» Da ist sie wieder, die Konzentration.

 

Shooting-Ranges im Trend: Mehr Waffen, weniger Ehrenamt

Rund 2500 traditionelle Schiessvereine zählt die Schweiz, Tendenzsinkend. Verlässliche Zahlen zu den modernen Shooting-Ranges gibt es nicht, doch die Nachfrage nimmt vielerorts zu. Warum haben es Schiessvereine derart schwer, während kommerzielle Angebote anscheinend boomen?

Für Alfred und Natalie ist es einfach: Kommen und Gehen, ohne Verpflichtungen.

 

Viele zahlen lieber Eintritt, als im Vereinshäuschen die Böden zu putzen. Das Schiessen wird zum Lifestyle-Konsumerlebnis – auf Kosten von Tradition und Brauchtum, die vor allem eines verlangen: Zeit.

 

Auch Alfred, Leiter eines Handwerksbetriebs, hat sich vor 15 Jahren fürs Schiessen entschieden, denn: «Für Golf habe ich keine Zeit.» Er beobachtet mehr Andrang auf den Schiessplätzen – ein Spiegel der angespannten Weltlage, wie er findet. Der CEO Martin Eerhard bestätigt: Seit dem Krieg gegen die Ukraine steige die Nachfrage. An guten Tagen zählt er 200 Personen. Leer sei es nie.

 

Wer eine Pistole zur Selbstverteidigung kaufe, irre gewaltig, sagt Vereinspräsident Merki beim Besuch des Schützenhauses in Wehntal: «Jede Alarmanlage ist besser als eine Waffe unter dem Kopfkissen», im Ernstfall könnten die wenigsten mit einer Waffe umgehen. Dennoch rüsten Privatpersonen auf. Seit 2014 verzeichnen 21 Kantone rund 50 Prozent mehr Gesuche für Waffenerwerbsscheine und Sonderbewilligungen. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren, doch das persönliche Sicherheitsempfinden dürfte dazu beitragen.