Die Wirkung “weniger tödlicher Munition”

22.09.2026 | Event

Eine Einordnung anhand von Zahlen und Fakten und eines Feldversuches mit ballistischer Gelatine

 

Von “non-lethal ammunition” zu “less-lethal ammunition”

Älteren Schützen dürfte der Begriff “non-lethal ammunition”, sogenannte “nicht tödliche Munition” noch bekannt sein: In den 1970ern erfunden, wurden damit Gummigeschosse bezeichnet, die von der britischen Armee im Nordirlandkonflikt eingesetzt wurden. Da die ursprünglichen Gummigeschosse aufgrund ihrer abgerundeten Spitzen unkontrolliert abprallten und unpräzise waren, wurden sie ab 1973 schrittweise durch Plastikgeschosse aus PVC ersetzt. Einsatzkräfte nutzen Gummigeschosse, Bean Bags (Säckchen mit Schrotfüllung), Gummischrot aber auch Pfeffermunition um bei Ausschreitungen Personen aus der Distanz zu stoppen, ohne diese zu töten. Diese Geschosse dienen als Zwischenstufe, wenn Zwang oder Abwehr nötig ist, tödliche Waffengewalt (wie scharfe Munition) aber unverhältnismässig wäre.

Mitte der 80er-Jahre führten wegweisende Gerichtsurteile zu Polizeigewalt in den USA dazu, dass sich der Begriff „less-lethal ammunition“, also “weniger tödliche Munition” schnell etablierte, um sich rechtlich abzusichern: Bei unsachgemässer Anwendung oder auf kurze Distanzen kann auch “nicht tödliche Munition” lebensgefährlich sein. Heute ist der Begriff weltweit als „less-lethal ammunition“ bzw. “weniger tödliche Munition” standardisiert, um das inhärente Restrisiko dieser Geschosse sprachlich korrekt abzubilden.

Reichweite und Wirkung

Entscheidend für die Wirkung ist vor allem die Distanz zwischen Schütze und Ziel. Gummigeschosse sollen starke Schmerzen auslösen und damit Vorwärtsbewegungen stoppen. Bei richtiger Anwendung (je nach Munitionsart zwischen 5 m bis 40 m Distanz zwischen Schütze und Ziel) verursachen sie lediglich Hämatome.

Unterschreitet der Schütze die empfohlene minimale Sicherheitsdistanz (also bei Fehlanwendungen), wirkt die Munition oft wie scharfe Munition. Sie kann die Haut durchschlagen, Organe verletzen, offene Wunden verursachen oder Knochen brechen. Auf zu grosse Distanz verliert die Munition rapide an Energie und Genauigkeit. Sie wird entweder wirkungslos oder trifft unkontrolliert empfindliche Zonen wie das Gesicht, was ebenfalls wieder zu gravierenden Verletzungen führen kann.

Schauen wir das Ganze etwas genauer an:

Grenzenergiedichte von Haut

Die Grenzenergiedichte der Haut beschreibt den Schwellenwert der kinetischen Energie pro Fläche, ab dem ein Projektil die menschliche Haut durchschlagen kann. Der Begriff stammt aus der Wundballistik, der Forensik und dem Waffenrecht. Der forensisch und medizinisch anerkannte Grenzwert liegt bei 0,1 J/mm² (Joule pro Quadratmillimeter). Unterhalb dieses Grenzwertes prallen Geschosse in der Regel an der Haut ab, ohne sie zu durchdringen. Es kommt meist nur zu oberflächlichen Blutergüssen oder Rötungen. Liegt der Wert darüber können Geschosse die Haut durchbrechen, in das subkutane Gewebe eindringen und gefährliche innere Verletzungen verursachen.

Faktoren, die die Zielwirkung beeinflusse

Wie ein Geschoss auf ein Ziel wirkt, wird durch eine Kombination von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Die Eigenschaften eines Geschosses, wie Geschossmasse (Gewicht), Geschossform (insbesondere die Geschossspitze), das Kaliber (Durchmesser) sowie das Material (Blei, Kupfer, Stahl, Gummi) beeinflussen massgeblich die Art der Verletzungen, welche sie verursachen können.

Ein weiterer Faktor ist der Auftreffwinkel: So können etwa Diablo-Geschosse, die aus gängigen Luftgewehren, Luftpistolen oder CO₂-Waffen verschossen werden, die Hautbarriere durchbrechen und schwere Verletzungen verursachen. Ein herkömmliches Diabolo, abgefeuert aus einem 7,5-Joule-Luftgewehr erreicht eine Energiedichte von 0,47 J/mm², was deutlich über dem biologischen Grenzwert von 0,1 J/mm² (Grenzenergiedichte von Haut) liegt. Trifft ein Diabolo mit der Kante auf der menschlichen Haut auf, kann es die Haut penetrieren, tief in den menschlichen Körper eindringen und Knochenbrüche oder schwere Organschäden verursachen. Das Projektil bleibt in der Haut oder im Unterhautfettgewebe stecken und verursacht lokale Schmerzen und Schwellungen.

Eine wichtige Komponenten für die kinetische Energie ist die Auftreffgeschwindigkeit, also die Geschwindigkeit, mit der das Geschoss auf das Ziel trifft. Die Auftreffgeschwindigkeit hängt bei Gummigeschossen vom verwendeten Waffentyp, dem Gewicht des Projektils und der Schussdistanz ab. Die Schussdistanz entscheidet massgeblich über die Ziel- oder Schockwirkung im Gewebe. Bei typischen Behörden- und Verteidigungswaffen liegt sie meist zwischen 40 m/s und 240 m/s (ca. 140 bis 860 km/h). Gummigeschosse verlieren aufgrund ihrer geringen Dichte und der meist unvorteilhaften aerodynamischen Form sehr schnell an Geschwindigkeit, weshalb sich die Mündungsgeschwindigkeit bei solchen Geschossen oft deutlich von der tatsächlichen Auftreffgeschwindigkeit im Ziel unterscheidet.

Die Auftreffgeschwindigkeit von Gummigeschossen wird bewusst so austariert, dass sie auf die vorgegebene Mindesteinsatzdistanz (meist ab 20 Meter) genügend Energie zur Schockwirkung überträgt, ohne Knochen zu brechen oder in den Körper einzudringen. Deshalb ist die richtige Distanz beim Einsatz von “less-lethal ammunition” extrem wichtig: Bei zu geringem Abstand (unter 5 Metern oder unter der vom Hersteller empfohlenen Mindestdistanz) kann die Auftreffgeschwindigkeit so hoch sein, dass lebensgefährliche oder tödliche Verletzungen entstehen.

Ein Feldversuch

Während die Anschaffung grosskalibriger Mehrzweckwerfer und die dazugehörigen grosskalibrigen Gummigeschosse Behörden vorbehalten ist, ist es auch Zivilisten erlaubt, Gummischrot-Patronen (beispielsweise im gängigen Schrotflinten-Kaliber 12) oder Bean-Bag-Munition käuflich zu erwerben. Die effektive Einsatzdistanz für Gummischrot im Kaliber 12 liegt je nach Laborierung und Hersteller typischerweise zwischen 5 und 15 m. Beim Einsatz unter 5 m Distanz besteht ein extremes Verletzungsrisiko. Gleiches gilt für die sogenannte Bean-Bag-Munition, derene optimale Einsatzdistanz zwischen 5 und 20–23 m beträgt.

Unter der Federführung eines Rechtsmediziners testete die Swiss Shooting Range die Wirkungsweise verschiedener Arten von Munition mit Hilfe ballistischer Gelatine, die zur Simulation weicher Körper im Bereich der Waffenforschung und Forensik sowie Kriminalistik verwendet wird. Ballistische Gelatine ermöglicht Durchschlagskraft, Deformation, Fragmentierung, Taumelbewegung von Projektilen und Gewebezerstörungen zu messen und zu visualisieren.

Die Tests und die nachfolgenden Bilder zeigen eindrücklich das Zerstörungspotential von “non-lethal ammunition” auf kurze Distanzen.

 

          

Brenneke K.O. Self Defense

Im Flintenlaufgeschoss “K.O. Self Defense” von Brenneke wird das Material KOline® verwendet. Im Gegensatz zu Bean-Bag-Munition, verformt es sich bei Auftreffen auf das Ziel und gibt die Energie sehr rasch flächig im Ziel ab. Dank der aerodynamischen Form fliegt “K.O. Self Defense” stabiler und deshalb präziser als Bean Bags, welche durch ihre sackartige Form im Flug schnell an Stabilität und daraus folgend Präzision auf Distanz verlieren. “K.O. Self Defense” ist auf eine sehr viel geringere Mündungsgeschwindigkeit (96 m/s) und Energie (46 Joule) ausgelegt, als Bean Bags, was es ebenfalls weniger gefährlich machen soll.

Beim Versuch wurde aus einer Pumpflinte Mossberg 590 aus einer Distanz von 1 m und 5 m ein solches Brenneke-Flintenlaufgeschoss “K.O. Self Defense” geschossen. Die vom Hersteller empfohlene optimale Einsatzdistanz beträgt 8 m bis 10 m. Der Versuch zeigte eindrücklich, dass das Flintenlaufgeschoss auf kürzere Distanzen ein grosses Zerstörungspotential hat.

     

Sterling 12/70 Gummi Slug Rocket 16 g

Slugs (oder Flintenlaufgeschosse) sind einzelne massive Projektile für Schrotflinten anstelle der üblichen Schrotladung mit vielen kleinen Kugeln. Die gesamte Energie der Ladung trifft geballt auf einen Punkt, was eine sehr hohe Stoppwirkung erzeugt. Sterling 12/70 Rubber Slugs weisen eine Mündungsgeschwindigkeit von ca. 275 bis 300 m/s auf und sind auf eine Distanz von 5 m bis maximal 20 m ausgelegt. Die Slugs sind auf Vorderschaftreptierflinten – also Pumpguns – ausgelgt, da sie durch den geringen Gasdruck in der Regel nicht zuverlässig in halbautomatischen Flinten repetieren. Der Sterling Rubber Slug wurde ebenfalls aus einer Mossberg 590 auf eine Distanz von 5 m abgefeuert.

      

Sellier & Bellot 12/67.5 Rubber Ball

Das Geschoss besteht aus einer Gummikugel mit einem Durchmesser von 17.5 mm oder zwei kleineren Gummikugeln. Die vom Hersteller empfohlene Distanz zwischen Schütze und Ziel beträgt 15 m bis 25 m. Sie erzeugen beim Aufprall ein massives stumpfes Trauma und starke Schmerzen, um so den Angreifer kampfunfähig zu machen, ohne tödlich zu sein. Der Sellier & Bellot 12/67.5 Rubber Ball hat eine Mündungsenergie ca. 125 Joule.

Die Sellier & Bellot 12/67.5 Rubber Ball Munition wurde ebenfalls aus einer Distanz von weniger als 5 m mit einer Mossberg 590 auf die ballistische Gelatine abgefeuert.

     

Hasenschrot (Blei), 36g

Hasenschrot ist eine spezielle Schrotmunition für Flinten, die traditionell für die Jagd auf Feldhasen und Füchse auf Distanzen von etwa 20 bis 30 Metern verwendet wird. Verschossen wurde ein Vorlagengewicht von ca. 36 Gramm im Kaliber 12/70 aus einer Mossberg 590. Hasenschrot zählt nicht zur weniger tödlichen Munition. Ein Schrotschuss aus einer Jagdflinte streut beim Verlassen des Laufs weitflächig. Auf kurze bis mittlere Distanz (unter 30–40 Metern) kann ein Schuss mit Hasenschrot auch für Menschen tödlich sein. Der Test mit der ballistischen Gelatine zeigte eindrücklich, wie das Verhalten der Schrotgarbe die Zielwirkung beeinflusst: Auf kurze Distanz von knapp einem Meter ist die Garbe noch sehr kompakt. Die Gelatine zeigte einen flächigen, oberflächlichen Einschuss. Bei grösserer Distanz (ca. 5 m) öffnet sich die Schrotgarbe, was ihre Zielwirkung verstärkt: Der Gelatineblock würde regelrecht durchtrennt.

Zum Vergleich

Um die Unterschied der weniger tödlichen Munition zu anderer Munition aufzuzeigen, wurde auch mit 9mm, einer Platzpatrone, Buckshot und Airsoft-Munition auf die ballistische Gelatine geschossen. Während Geschosse wie 9 m die Gelatine durchschlagen und lediglich einen Kanal hinterlassen, blieb die Airsoft-Munition im Block stecken. Die Platzpatrone zeigte eine flächige Zielwirkung, während der Buckshot die Gelatine zerfetzte.

                              9mm                                                    Softair-Munition                                                  Platzpatrone                                                           Buckshot

Zu beachten ist, dass sich diese Tests mit ballistischer Gelatine nicht 1:1 in reale Szenarien übertragen lassen. Ballistische Gelatine ist kein exaktes Abbild des menschlichen Körpers, sondern ein standardisiertes Simulationsmedium für menschliches Weichgewebe. Der menschliche Körper ist heterogen aufgebaut, mit Haut, Fett Muskeln, Sehnen, Knochen usw. Die zähe, elastische menschliche Haut bremst Geschosse stark ab. Da menschliche Haut aber nicht überall am Körper gleich dick ist, kommt es darauf an, wo der Schuss auf den Körper trifft. Am Hals etwa ist die Haut viel dünner als etwa an den Fusssohlen. Eine Rolle für die Wirkung eines Geschosses spielt auch die Kleidung, welche getragen wird, denn diese kann dämpfend wirken, etwa dicke Leder- oder Daunenjacken. Ein solcher Versuch visualisiert dank des transparenten Mediums die Eindringtiefe, Verformung und Fragmentierung verschiedener Geschosse. Man sieht, wie tief ein Geschoss eindringen kann, ob es stecken bleibt, wie stark es abgeleitet wird usw.